Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Romeo und Julia, Leyla und Mecnun oder Ferhat und Şirin.

Wahrscheinlich kennt sie jeder. Und man denkt sich "hach, schön, doch leider nur ein Märchen..".

Aber, man glaubt es kaum, genau sowas passiert tagtäglich! Wo?

Hier in Deutschland ! Gleich um die Ecke! Ein guter Freund hat es mir erzählt, und ich erzähl sie jetzt euch ...

Keiner im "Dönerschuppen" hat sich eingemischt oder nur was gesagt. Selbst der obligatorische Türsteher (den Cem schon dreimal verprügelt hat, inklusive seine Brüder).

Natürlich haben einige gelächelt. Allen voran Ayşe. Naja, die beiden Affen haben es auch verdient.

Ein paar Blickkontakte zwischen Cem und der Magandagang, und Cems Truppe (die sich sehr gerne eingemischt hätte, allen voran der Autos verkaufende Student Murat B.) verschwindet zum Billardtisch.

Die beiden jugendlichen Maganda-anwärter verziehen sich, ohne auch nur ein Wort zu sagen.

Da steht er nun. Cem, der Killer, King Macho himself- und vor ihm die Frau, die ihn (und alle anderen Machos) eigentlich hasst.
Cem guckt sie an, wischt dabei mit einem Taschentuch über seine blutende Hand.

"Und? Was soll ich hier?" Ayşe lächelt traurig:

" Mihriban için geldin, benim için değil."
"Mihriban için mi...?"

"Mihribaaaan! Kız Mihriban! Ich muss auf‘s Klo, hadiii!"

Die Nachbarstochter klopft immer weiter.
Aha! Nun kommt sie raus, und schwupps! ist die Nachbarstochter drin, bevor Mihriban richtig raus ist.

Natürlich muss sie gar nicht. Sie will eben nur eine rauchen. Das würde Mihriban auch gerne tun, wenn sie rauchen würde.

Ihre Nerven sind so ziemlich überstrapaziert.

"Oh, mein Gott", denkt sie sich "das ist alles gar nicht wahr. Heute ist meine Verlobung, und ich bin so blöd und mach das auch noch mit."

Dann sieht sie die Schuhe am Boden und sie trifft beinahe der Schlag.

"Neee, ne...ein, zwei, drei...".

Genau 23 Paar Schuhe sind am Boden zu zählen (Und es sollen auch noch 10 bis 12 Leute kommen).
Von Grösse 30 bis 47 ist alles dabei.

Oh oh, und das ist nur Mihribans Gefolgschaft. Mihriban springt mit einem Hechtsprung in die Küche, ohne in das Wohnzimmer rechts zu schauen.

In der Küche ist es jedoch auch nicht anders. Volle Stube. Nur Mädels.

Und die Hälfte davon raucht heimlich, damit die Eltern es jaaaa nicht mitkriegen (obwohl die meisten es eh wissen).

"Şşşşt kız, wo bleibst du, erzähl mal, wie hast du ihn eigentlich kennengelernt?" fragt Nalan, eine von vielen Nachbarstöchtern.

Die anderen Mädchen blicken genauso gierig auf Mihriban, wollen sie doch die Antwort wissen.

Aber weniger aus Gefallen, sondern mehr aus Schadenfreude.
Mihriban hat mit den Anwesenden in
der Vergangenheit nur flüchtige Bekanntschaften gemacht.

Sie war und ist bei den Mädchen in der Umgebung nicht sehr beliebt.

Zum ersten ist dort ihr grosses Mundwerk, da sie immer gerne erzählte, dass sie sooo einfach nicht heiraten würde.

Als zweiter Grund anzugeben ist einfach nur die Tatsache, dass sie sich von der breiten Masse abheben wollte
(was ihr ja eigentlich auch gelungen ist), da sie eine "Studierte" ist.

Denn da, wo sie herkommt, geht jeder auf die Hauptschule. Das ist seit 20 Jahren türkische Tradition.

Langsam aber sicher änderst sich das zum Glück aber auch.

Sie guckt Nalan und die anderen an und versucht, lächelnd zu antworten:
" Görücü usülü."

Jaja, die Tradition- die böse böse Traditionsgeschichte.
Während in der Küche eine Minitragödie abläuft, unterhalten sich die Mamas prächtig im Schlafzimmer
(hey! Und selbst hier rauchen einige Mamas heimlich- is ja‘n Ding).
Und die Themen wiederholen sich so an die 130 mal (plusminus zehn):
wie schön Bekir doch aussieht, wie toll seine Familie ist (haben wir ja mitgekriegt), und wie viele Güter sie doch besitzen.

Und er ist ja religiös und hat den Koran schon vier mal beendet

(das er alles vergessen hat, interessiert eh keinen), trinkt keinen Alkohol und raucht nicht (praktisch das Gegenstück zu unserem Superbarbaren Cem) – Mihriban wird es ja sooo gut haben!!!

Hach! Von wegen. Was wisst ihr schon?
Weder von Liebe noch von Mihriban.
Habt vor dreissig Jahren gegen euren Willen geheiratet, kanntet eure

Männer nicht- und liebt ihr sie jetzt etwa mehr als damals-Pustekuchen

(Natürlich bestätigen auch hier Ausnahmen die Regel- istisnalar kaydeyi bozmazmış...).

Zwischen den Mamas sitzen zwei junge frisch verheiratete Frauen (eine davon ist 24 Jahre jung, die andere 21) und hören traurig zu.

Sie haben die selbe Prozedur mitgemacht. Ihnen ist auch erzählt worden, dass mit der Zeit die Liebe schon kommen wird.

"Zavallı Mihriban" denkt die 24jährige mitfühlend, während die andere es Mihriban schadenfreudig gönnt :
" Bana oldu, ona niye olmasın?"

Soviel zum berühmten türkischen Mitgefühl.

Am coolsten ist es bei den Männern.

Das Wohnzimmer ist schon ganz vernebelt vom Zigarettenrauch (Phillip Morris liebt Türken!!!).
Es sieht aus wie inner Kifferstube, arme Nichtraucher unter den Männern!

Boah, und was da für Wahrheiten da ans Tageslicht kommen, genau wie bei der Brautschau damals vor drei Wochen:

Die Türken sind die besten Fussballer der Welt, wenn man sie nur lassen würde und die Schiedsrichter sind eh alle bestochen, mal abgesehen davon, dass die Europäer eh alle faulen

(Kleine Meldung am Rande : Cem ist Beşiktaş fan... Yaşasın Beşiktaş!).

Der erste Mann auf dem Mond war nicht Neil Armstrong, sondern

in Wirklichkeit war es ein Ottomane, ich glaube, er war ein Thrakier und
kam aus Çorlu und sowieso haben die türkischen Ingenieure die Motoren für die Apollos gebaut

(Mann, wenn das die Amis mitkriegen, also dann sind die politischen Beziehungn und Verbindungen total im Eimer).
Wieder einmal werden 50 Gründe für und 50 Gründe gegen eine Erhängung von Apo genannt

(ich wusste es schon immer- jeder Türke hat das Talent, Staatsoberhaupt zu werden),

kurz darauf wollten sie sich wirklich in die Haare gehen- genau wie die echten Parlamentsfritzen.

Es wurde wieder über alles gequatscht; von der Theorie, dass der Prophet Zigaretten geraucht hat (das kommt merkwürdigerweise nur von Rauchern) bis hin zu der Überlieferung
(und inzwischen bewiesenen These), dass Elvis ein Türke war
(und er treibt jetzt als 130 kg schwerer Clochard sein Unwesen in Paris...).

Die Elvis- und Astronautengeschichte und ähnliche Geschichten sind schon Tradition bei Verlobungen. Irgendwie muss der Abend ja mit Themen gefüllt werden, gell.
Langsam aber sicher macht sich Mihribans Mama doch Sorgen. Wo bleiben ihr töfter Schwiegersohn Bekir und seine Gefolgschaft bloss?

Sie hätten seit zwei Stunden hier sein müssen.

Ooooch! Canıma değsin, Mihribana yarıyor.

"Soll er doch bleiben, wo der Pfeffer wächst...Ayşe, wo bleibst du?"

Tja, die ist im Bistro "Dönerschuppen" mit King Maganda in Person und weiss nicht, wie sie anfangen soll.

Während Cem sie schweigend ansieht und nicht weiss, was er sagen soll

(diese Frau hat ihn nicht wenig angeschrien), haben Tekirdağlı, Yavuz der verrückte Fotograf und Murat B. angefangen, ‘ne Runde Billard zu zocken.

"Ey, Keule! Das ist mein Tisch!" schreit eine Stimme Yavuz an.

Der dreht sich sofort mit fest geballter Faust um. Plötzlich umarmt ihn die fremde Person.
"Arif? Arif! Sen misin, lan? Moruk, ich habe dich seit der Schlägerei auf der Schule nicht mehr gesehen..."

"He, Moruk, seit damals genau, ey, die ham mich vonner Schule geschmissen, dabei hat der Itaka angefangen."

"Sen de fena dövmedin onu, haaa. Hast ihm so richtig die Fresse poliert! Komm Alter, lass uns einen saufen gehen. Siz oynayın ja?"

Und Murat und Tekirdağlı zocken weiter. Was für ein Zufall.

Yavuz hat Arif seit der Hauptschule nicht mehr gesehen. Es hiess, er habe lauter krummer Dinger gedreht, sei abgeschoben worden, hätte drei Leute auf dem Gewissen.

"Alles Blödsinn, Moruk. Hab jetzt ‘ne Ausbildung beendet und arbeite jetzt als Zerspanungsmechaniker. Was die Leute sich nicht alles aus den Fingern saugen. Das wirklich schlimme wissen sie nicht."

"Was denn, lan, ne oldu ki?"
"Ich hab geheiratet... ."

"Ist doch geil."

"Boşanıyoruz...", antwortet Arif leise mit gesenktem Blick.

"Was, wieso denn, habt ihr euch nicht verstanden? Ist sie fremd gegangen, hat sie...."

"Nein, Mann", unterbricht Arif Yavuz " wir ham uns einfach nich mehr verstanden...", lügt Arif.

Fakt ist, seine Frau wollte ihn nie, aber das ist nicht der Auslöser.

Arif hat sich in eine andere verknallt.

In eine verheiratete Frau.
In eine ältere Frau.
In eine Frau mit drei Kindern.

Das ist die Wahrheit. Natürlich wird er sich hüten, diese Geschichte zu erzählen.

"Aber weisst du, das dicke Ende kommt noch...", flüstert Arif leise.

"Yavuz verdreht seine Stirn und guckt ihm in seine Augen.

Ohne Worte versteht er und schlägt mit seiner Hand auf die Stirn:

"Nein..Neee, ne? Scheisse, ist nicht wahr, oder?"

Doch Arif nickt leicht.

"Und wer wird es grossziehen?"

Und Arif antwortet nicht. Er schweigt.

Genau wie Cem.

Nun fängt Ayşe doch an. Sie starrt ihm ins Gesicht, drückt die Zigarette aus (was Cem freut, da er keine Zigaretten rauchenden Frauen sehen kann) und fragt ihn in sein cool rein blickendes Machogesicht mit seinem fünf-Tage- Bart:

" Mihribanı seviyormusun?"

WHOMM!

Beinahe hat Cem sich an seinem Kaffee verschluckt und ausgeprustet.

Dabei hat er den Kaffee über den Tisch verschüttelt.
Das Pärchen am Nebentisch wollte schon loslachen, doch dann haben sie Cems Killerblick gesehen und sich auf die Unterlippe gebissen.

Cem fasst sich: "Hör mal, du kannst doch nicht einfach so ‘ ne Frage stellen. Was für eine Frage ist das überhaupt? Geht‘s dir noch gut?"

Ayşe wird sauer, beruhigt sich dann aber wieder.

"Jetzt hör mir mal gut zu. Ich weiss nicht, was zwischen dir und Mihriban abgelaufen ist. Ist mir eigentlich auch egal.

Nach diesem Unfall vor zwei Tagen hat mir Mihriban Sachen gesagt, die ich von ihr nie erwartet hätte.

Ich stelle dir jetzt eine Frage. Und ich stelle sie einmal und auch gleichzeitig das letzte Mal. Überleg‘s dir genau.

Am liebsten wäre mir die Wahrheit."

Und während sie das sagte, hat sie nicht einmal mit der Wimper gezuckt und ihren für sie berühmten Anti- Macho- Blick eingesetzt.
Cem ist gespannt wie ein Flitzebogen, lässt es sich aber nicht anmerken (naja, er versucht es, wenn man an den Kaffee denkt...).

"Und...?"

"Seviyormusun...und überleg genau."

Cem weiss nicht, was er sagen soll. Er bleibt still. Am liebsten würde er Ayşe an den Hals fallen und ihr alles erzählen.

Aber sie ist ein Mädchen und er hat auch noch seinen Stolz.

Stolz?

Was hat Rambo- Ramazan mal über Stolz gesagt?

"Stolz tötet die Liebe...".

Aber er kriegt keinen Ton raus.
Ayşe steht auf nach einer Minute Schweigen.

"Boşuna gelmişim." und ruft den Kellner zum Kassieren.

Cem packt ihre Hand fest, doch nicht verletzend.

"Ben öderim....". Dabei schaut er sie hart an. Aber nicht etwa böswillig.

"Ach Rambo....Stolz kann töten... du hast Recht gehabt"; denkt er sich.

Er schaut in ihre Augen, seine Augen sind leicht feucht und sie kann nicht reinschauen.

Sie wendet den Blick ab, fasst sich, schaut dann trotzdem wieder hin.

Ganz leise flüstert er es:

" Seviyorum..."


Fortsetzung Teil 11