Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Romeo und Julia, Leyla und Mecnun oder Ferhat und Şirin.

Wahrscheinlich kennt sie jeder. Und man denkt sich "hach, schön, doch leider nur ein Märchen..".

Aber, man glaubt es kaum, genau sowas passiert tagtäglich! Wo?

Hier in Deutschland ! Gleich um die Ecke! Ein guter Freund hat es mir erzählt, und ich erzähl sie jetzt euch ...

Dring- Dong! Die Tür klingelt zum fünften Mal in acht Minuten.

Oh nein! Die Nachbarn aus der Bebelstrasse!

Es sind schon sieben Frauen und fünf Männer im Hause Mihriban Kutlu.

Und es werden immer mehr. Arme Mihriban. Jetzt wirst du verlobt.

Konntest ja nicht rebellieren. Sieh zu, wie du damit fertig wirst.

Mihriban ist in ihrem Zimmer und lässt keinen rein.

Die Mama ist stinksauer, aber lässt sich überhaupt nichts anmerken (wie das bei türkischen Mamas so üblich ist).
"Çağır ablanı dışarı", flüstert sie ihrem Jüngsten, Orhan, ins Ohr.

Er klopft schnell an die Tür :"Abla!"

Mihriban schrickt auf, wischt sich die Tränen weg und fragt mit starker Stimme :Was ist?"

"Abla, ich bin‘s, mach auf, ich will mit dir reden... komm schon... was ist los?

Die Leute sind alle wegen dir hier... ."

"Ich komme gleich, hab nur Kopfschmerzen und eine leichte Erkältung... ."

"Haydi, mach auf."

Bevor sie die Tür öffnet, schmeisst
sie schnell ein paar Hefte und Englischbücher auf den Tisch und reisst sie auf.

Denn sie lernt ja fleissig.

Als Orhan rein kommt, schliesst er die Tür hinter sich sofort.

Er merkt, dass sie geheult hat, zeigt es aber nicht.
"Hey, was ist mit meiner grossen Schwester los?
Du bist doch sonst immer so cool drauf?!?"

"Ach, es ist nichts...", lügt sie ihn an.

"Ist es Bekir? Willst du nicht? Dann sag es... ich renn raus, wir blasen die Sache ab, und ich schlag dem Bekir- Penner die Fresse ein."

"Junger Rebell", denkt Mihriban sich, "nichts kannst du machen gegen Mamas Gesetz. Mamas Gesetz ist gleich Murphys Gesetz."

Das sagt sie Orhan selbstverständlich nicht.

"Ich warte auf Ayşe, weisst du, ich will da nicht alleine raus... sind die überhaupt schon da?" fragt sie bestürzt neugierig.

"Nein, nur Nachbarn und Bekannte.

Hör mal, ich geh jetzt raus und sag Mama,
dass du Kopfschmerzen hast und wir blasen die Sache ab", gibt Orhan seiner Schwester Mut.

"Nix da! Sag... ich bin in fünf Minuten da, mir ist schwindelig gewesen... ."

Gesagt getan.

Die Nachbarn denken natürlich, dass sie vor Nervosität Kreislaufschwierigkeiten hätte.

Die Wahrheit kennen nur Mihriban, ihre Mutter, Gott und Ayşe. Ayşe?

Wo bleibt sie eigentlich?

Man glaubt es kaum, aber Ayşe trifft sich mit ihrem Erzfeind Cem im "Dönerschuppen"

(der Laden heisst wirklich so!)- ein total abegfahrenes Bistrocafe.
Wieso sie ihn trifft?

Spulen wir einfach mal zwei Tage zurück.

Cem Knallt mit seinem internationalen Powergolf in Mihribans Golf rein.

Ayşe und Tekirdağlı waren auch dabei.

Wutentbrannt steigen die Fahrer aus und – Pling!!! – blicken sie sich in
die Augen.

Nach einer unendlichen Anglotz- Minute haben Ayşe und Tekirdağlı sich gegenseitig beschimpft.

Cem hat die Situation dann beschwichtigt

(obwohl er am meisten aufgeregt war- sein Herz schlug schneller als das eines Kaninchens).

Ayşe sofort :" Polizei!"
Tekirdağlı :" Ach, ist doch nichts passiert... und ausserdem habt ihr überhaupt nicht geblinkt."

Dann erst merkten die beiden die Zustandsänderungen von Mihriban und Cem.

Was sollte Mihriban schon grossartig sagen?

Da knallt ihr der Typ, der ihren Bruder vor ihren Augen verkloppt und als Maganda schlechthin gilt, mitten in den neuen Golf von Pappa.

Der selbe Typ, der stundenlang unter ihrem Fenster bei Regen und Sturm getigert ist und ihr dann seine Liebe gestanden hat
(und das ist bei Gott überhaupt nicht seine Art).

Sie hat gar nicht bemerkt, dass sie sich in ihn verknallt hat.
Allein der Vernunft willen schon nicht.

Er Alevit, sie Sunnitin; er Super- Macho- Malocher, sie Vorzeige- Studentin mit Ambitionen und und und ... .

Ey, Mädel! Aufwachen!!! Liebe hat nichts, aber auch gar nichts mit Vernunft zu tun!

Sieh dir mal an, was mit Vernunftehen passiert. Was ist wichtiger?

Herz oder Verstand? Tja, schlaues Mädchen, wegen dieser Frage hat schon so mancher Mensch den Verstand verloren.

Manch einer seine Familie und manch einer seine Ehre.

Es kam sogar schon des öfteren vor, dass einige ihr sonst so wertvolles Leben aufgaben.

Das hat ja wohl gar nichts mehr mit Verstand, Vernunft oder Logik zu tun.

Doch was passierte dann?

Tja, was dann passierte, ging so schnell, dass keiner was raffte.
Mihriban stieg in ihren neuen (jetzt nicht mehr so neuen) Golf, rief Ayşe rein und gab Gas.

Ayşe und Tekirdağlı wunderten sich.

Cem stand da wie angewurzelt und kratzte sich am Nacken.

"Hoop, ayı... Keule wach auf ! Hier läuft voll der Actionfilm ab und du pennst!"

Vınn!!! Weg war Mihriban.

Die ersten zwei Kilometer wurde kein Wort gesprochen.

Ayşe traute sich nicht, was zu sagen.

Doch dann hielt unsere kleine Prinzessin an der Bushaltestelle und fing voll an zu heulen. Richtiges Losschluchzen.

Ayşe war geschockt.

"Hey, Kleines (Ayşe ist ein Jahr älter), was hast du? Ist doch kein Problem mit dem Wagen. Wir wissen doch, wer... ."

"Es ist nicht der Wagen", schnieft Mihriban "er ist das Problem."
Was dann folgte, waren anderthalb Stunden Fragerei, Philosophie,
Hass, Vertrauen und das Wichtigste; Liebesgeständnisse (und das alles in neunzig Minuten komprimiert).

Ayşe hatte die letzten zwei Tage nicht richtig gepennt.

Also hat sie einen Freund gebeten, dass er Cem die Nachricht überbringe, sich mit ihr im Dönerschuppen zu treffen.

Gegenwart.

Jetzt sitzt Ayşe seit geschlagenen zwei Stunden in diesem Bistro, inkusive 25 Kippen und drei Tassen Kaffee, einen Cappuccino und eine Kiba.
Und dieser Barbar Cem ist immer noch nicht da.

"Noch zehn Minuten, dann haue ich ab", denkt sie sich und macht noch ‘ne Kippe an.

Im Hintergrund dudelt Barış Manços "Gülpembe".

Am Billardtisch streiten sich zwei jugendliche Vorzeige- Magandas.

Am Tisch neben ihr schauen sich gerade zwei superfrisch Verliebte
so tief in die Augen, dass man meinen könnte, die sind blind.

Am Tisch hinter ihr wird sie mit Blicken von zwei richtigen Magandas geradezu durchbohrt
(Sie spürt förmlich den Blick auf ihrem Rücken).

"Hangi eşşek arısı soktu beni?

Bin ich bescheuert?
Wenn mich ein Bekannter hier sieht...", denkt sie sich und will aufstehen.

"Naber tatlım?" tönt es hinter ihr.
Einer der beiden Burschen ist zu ihr rüber und versucht es die Steinzeitmasche.

"Ich wollte gerade gehen", erwidert sie. "hat dich dein Freund sitzenlassen?

Er isses nicht wert, Baby... aber ich bin ein guter Ersatz", versucht der Bursche hartnäckig weiter.

"Welcher Bauer hat dich aus deinem Stall gelassen?

Guck dich mal an, wie du aussiehst. Selbst wenn ich blind wäre und es auf der Welt ausseer dir keinen Mann geben würde, würde ich dich nicht nehmen.. Haydi git yoluna."

Dabei durchbohrt Ayşe ihn mit ihrem Anti- Macho- Blick.

Den kratzt das wenig. Er stellt sich einfach vor sie und versperrt ihr den Weg.

"Ich kenn dich", sagt er "du sollst ‘n ziemlicher Feger sein."
Daraufhin flippt Ayşe aus und knallt dem Burschen eine.

Naja, sie versucht es.

Der schnappt ihre Hand noch im Flug und drückt sie verdammt fest zu.

Ayşe verzieht das Gesicht.

Der Kerl lächelt nur fies: " Yavrum! Tatlım! Anam! Abin kurban olsun sana. Ich liebe Frauen mit Temperament!"

Doch dann ändert sich sein Gesichtsausdruck:" Ulan cadı, weisse eigentlich, wen du vor dir hast?"

Und dabei drückt er ihre Hand noch fester zu.

Sie verzieht ihr Gesicht vor Schmerzen noch mehr.

In dem Bistro ist alles ruhig.
Keine Menschenseele tut auch auch nur etwas.

Viele bemerken es, mischen sich aber nicht ein.

Nur der Pärchen- Typ vom Nebentisch steht auf:" Hey, was soll das. Lass sie..."

Weiter kam er nicht, weil der zweite Maganda ihn am Haar festhält.

Sein Mädchen will ihm helfen, doch der Maganda zieht sein Hemd hoch. Darunter steckt eine Knarre!

Mädchen und Junge setzen sich. Die Musik dudelt weiter (jetzt spielt Orhans "Batsın bu dünya").

"Hör zu Schlampe. Ich krieg, was ich will, wo ich es will ", gibt der erste Maganda an, indem er sie zu sich zieht.

"HUUUEEEYT!!!"

Oha! Wer schreit denn da so laut?

Alle drehen sich um... und Cem steht vor der Tür.
Neben ihm sind Tekirdağlı, Yavuz; der verrückte Fotograf und Murat B.

Der Maganda glotzt Cem mit einem supergiftigen Blick an, will ihn erschrecken, frei nach dem Motto :

" Misch dich nicht in!" Doch er kennt Cem nicht. Noch nicht!

Der kontert mit seinem berühmt- berüchtigten Todesblick.

Cem kommt gaaaanz langsam näher.

"Siz karışmayın", flüstert er seiner Maganda- Gang zu.

Der Typ hat Ayşe losgelassen und sich Cem zugedreht.

Und Ayşe? Jaaa, Ayşe lächelt.

Dass ausgerechnet Cem ihr mal helfen würde.

Das Schicksal ist schon lustig. Jetzt steht Cem genau vor dem Typ.

Die Nasenabstände betragen zwei Zentimeter.
Unser Held ist ungefähr einen halben Kopf grösser als die andere Kante.

Da! Jetzt knackt Cem noch mit dem Kopf; zweimal links, zweimal rechts herum.

Eine stilistische "ich- hau- dir- jetzt- deine- Fresse- ein" – Warnung.

Alles ist leise.; jeder, der etwas mitgekriegt hat, verhält sich so still
er kann und wartet auf die nächste Aktion von einem der beiden
Magandas.

"Benim kim olduğumu biliyonmu?" quatscht der Typ Cem an.

Oh oh. Fehler! Grosser Fehler!

Regel Nr. 1 des Magandahandbuches (abschnitt Schlägereien): Niemals labern, sondern sofort drauf. Und Paff!!!

Kopfnuss von Cem! Die Nase von dem Typen ist platt.
Er drückt sein Gesicht in die Hände, senkt sein Haupt.

Zweiter Fehler! Ellbogenschlag in den Rücken! Zack!

Der Kopf geht wieder hoch, der Typ in die Knie.

Es folgt ein brutaler, doch gezielter Knietritt in das eh schon rote Gesicht von dem anderen Maganda. Flatsch!

Der liegt nun am Boden.

Sein Freund (der die ganze Zeit nur doof geglotzt hat) reagiert jetzt erst und zieht die Knarre.

Verdammt grosser Fehler!

Magandaregel Nr. 8 und Nr. 24: Misch dich nie, aber auch niemals, in die Kloppereien anderer Magandas.

Verlass dich nie auf Waffen.

Waffen sind was für Feiglinge ohne Cojones.

Erst schnappt Cem den Ballermann, bricht ihm die Hand. Tack.
Daraufhin folgt ein Faustrückenschlag mit der Rechten in die Fresse.

Direkt danach ein Knietritt in den Magen.

Auch hier folgt ein gezielter Ellbogenschlag in das (nicht mehr ganz so schöne) Gesicht.

Eine letzte Gerade. Zähne splittern, Cems Hand blutet.

Egal. Dafür fliegt der zweite Typ nach hinten in einen Stuhl.

Cem packt ihn an seinen Haaren:" hör mir gut zu , du kleiner Hosenscheisser!

Ich sag‘s nur einmal, du und dein Milchgesichtbubu, ihr beide verzieht euch und kommt nie wieder in diese Gegend. Ansonst f..ke ich dich.

Anladın mı or..pu? Seni de, geçmişini de, geleceğini de....hadi si..ir git,
kayıp ol...."
Und der Typ verschwand.

Er nahm seinen ziemlich angeschlagenen Freund mit und sie flogen wörtlich raus.

Jetzt dreht Cem sich zu Ayşe:" Tja, da bin ich. Was geht ab?"

Fortsetzung Teil 10