Wer kennt sie nicht, die Geschichte von Romeo und Julia, Leyla und Mecnun oder Ferhat und Şirin.

Wahrscheinlich kennt sie jeder. Und man denkt sich "hach, schön, doch leider nur ein Märchen..".

Aber, man glaubt es kaum, genau sowas passiert tagtäglich! Wo?

Hier in Deutschland ! Gleich um die Ecke! Ein guter Freund hat es mir erzählt, und ich erzähl sie jetzt euch ...

Es ist fünf nach zehn. Die Nacht ist eingebrochen.

Die Sonne geht langsam unter. Seit zwei Stunden regnet es.

Donner und Blitz folgen aufeinander.

"Genug im Wagen gewartet", denkt Cem sich und springt raus in den Regen.

Der Regen macht ihm nichts aus, so wie sich das für einen Macho gehört.

Spätestens, wenn er in drei Tagen erkältet ist, wird er tagelang fluchen.

Aber in seinem jetzigen Zustand spürt er weder Regen noch Hagel. Man stelle sich nur folgende Situation vor:

Da steht ein verliebter King Macho im Regen vor so einem alten Türken- Hoesch- Gebäude, das jederzeit in
zwei (oder mehr) Teile fallen kann.
Er wird pitschnass, er hat seinen Blick zum zweiten Stock gestreckt.

Zu einem ganz bestimmten Fenster. Er redet, er spricht, er schreit!

Sie möge doch ans Fenster kommen. Nichts.

Er entschuldigt sich bei ihr dafür, dass er ihren Bruder verkloppt hat (obwohl er wegen ihr verloren hat).

Nichts. Er verspricht sogar, weniger Macho zu sein als sonst.

Wieder nichts.

Das verdammte Scheißfenster geht einfach nicht auf.

Mit seinem letzten Schrei schreit auch der Donner in dieser verliebten Nacht.

Nach einer Schweigeminute (nur das Klatschen der Regentropfen ist zu hören) senkt Maganda Cem seinen Blick nach unten auf die Motsche.
Dann schließt er die Augen. Oh man, du bist ja richtig verzweifelt.

Was er jedoch nicht sieht (eigentlich nicht sehen kann), ist Mihriban.

Sie stand hinter dem Fenster, als
Cem ihr seine "Liebe" gestand.

Liebe?

Liebe kann das doch gar nicht sein.

Uyan lan Cem! Hoop, aşık ayı ...
böyle devam edersen, sonun Mecnun gibi olur.

Oder mindestens wie Romeo.

Hoffentlich verkaufen die Apotheker
ihm kein Gift.

Wenn das mal der alte Bill Shakespeare wüßte:

Romeo und Julia im Ruhrgebiet!
Und unsere Julia steht immer noch hinter den Gardinen und sieht wie
unser Held seinen Blick senkt.

Ihre Augen werden feucht.
Und wie sie ihn da so sieht, wie er daher trottet Richtung schwarzer Powergolf, kullert eine Träne ihren rechten Wangenknochen hinunter.

"Warum? Warum nur?"
fragt sie sich.

"Meine Eltern wollen mich mit diesem Bekir- Bauern verheiraten... ich will nicht.

Und du... du macho man willst mich lieben! Neyimi seviyorsun? Babam beni öldürür seni sevsem. Ondan önce abim.

Du bist Alevit, Cem... ich Sunni... warum muß mein Bruder auch so streng auf die Religion achten?

Er selber hat doch ‘ne deutsche Freundin.

Ach was! Ich bin ja auch nicht besser.

Hab meine sonst so große Klappe ja nicht aufgemacht... ich will den Typen nicht! .. aber nein! Mihriban!
Anneni, babanı, aileni rezil etme...

und wer denkt an mich?

Du etwa Cem?"

denkt sie und es rollen noch einmal
zwei Tränen die superweichen
Wangen hinunter.

"Dabei bist du gar nicht so ein
Macho, wie Ayşe behauptet",

flüstert sie.

Wenn du wüßtest Mädel!


Montag. 14 .37 Uhr. Ka-ling! Und die Stempelkarte durchgezogen.

Mann Cem, war schon ‘ne Scheißnacht.

Da liebst du zum ersten Mal in deinem Leben ein Mädchen von ganzem Herzen und gestern kommt so ein zweigesichtiger, schleimiger Kriecher und will sie dir wegnehmen.

Du laberst dir den ganzen Frust von der Seele, deine Zunge fällt ab, aber nein...

... alles umsonst.

Also hast du dich in die erst beste Kneipe gesetzt und einen nach den andern runter gekippt;

dann hast du ja nur darauf gewartet, daß dich einer anmacht.

Genau das ist auch passiert.
Dass du dann geflüchtet bist, weil du dem Typ zu Unrecht den Arm gebrochen hast, ist dir auch klar.

Um vier Uhr morgens ab in die Heia.

Aber kannse schlafen- nee! Das Mädchen geht dir nicht aus dem Kopf.

Immer ihr Gesicht, egal wie du dich hinlegst. Und in einer Stunde mußt du zur alltäglichen Arbeit.

Du moderner Sklave, du.

Auf der Arbeit hast du jeden schief angeglotzt, selbst dein ehemaliger Meister hat dich nicht angequatscht.

Und jetzt wartest du in der Schlange, um die Karte zu drücken.
"Haydi lan, heeey!" schreit jemand
etwas weiter hinter Cem.

Cem ist versunken in Gedanken und Müdigkeit, dass er die Stempelkarte vergisst. "Hoop, uyan lan ayı!"

Jetzt registriert der Macho King erst die Stimme, dreht sich um wie Charles Bronson (bevor er ein paar Gangster niederknallt) und guckt wie Yılmaz Güney.

Aber sein Blick wird weich.

Es ist Mahir, ein alter Freund von der Ausbildung.

Er ist Wekstoffprüfer, Cem Schlosser.

Cem dachte, dass das was besonderes wäre, weil Mahir immer mit Kittel rum lief.

Aber Mahir hat ihn dann aufgekärt.

"Was lan, was! Wart ‘nen Druck ab!"
und dann zieht Cem die Karte.

Auf dem Weg zum Powergolf kommen die beiden ins Gespräch.

(Um ehrlich zu sein, die beiden haben seit sechs Monaten kein Wort mehr miteinander gesprochen. Und weswegen?
Er hat diese Ansichtsweise und er die andere Ansichtsweise.

Nur jetzt quatschen sie nicht darüber.

Eigentlich wollten sie nie darüber quatschen.

(Aber wie das so ist... irgendeine Ansicht zerstört immer eine Freundschaft).

"Ehh Mahir... anlat moruk, was
machse so, hab lange nix von dir gehört...
was machen die Prüfungen, wieviel Tonnen Eisen habt ihr heute gesperrt?"

"Ach Cem, vergiß das Eisen... ich hab eher von dir nichts gehört!"

Dabei arbeiten die beiden nur zwanzig Meter voneinander entfernt.

"Weißt du Cem", fängt Mahir locker an

"ich bin seit drei Monaten verlobt... ".

"Oh nein... nicht der auch noch...", denkt Cem sich und wird wieder wütend.

"Yengemiz nerden?" fragt
Cem oberflächlich.

"Aus meiner Heimat, Erzincan."
"und ... wann ist die Hochzeit?"

"Nächsten Sommer, wir wollen zwei Hochzeiten machen, eine hier und die andere dahinten."

"Ehh, bizi de çağrırsın artık düğününe."

"ayıpsın, natürlich bist du eingeladen."

"Soll ich dich nach Hause fahren? Musse nicht auf‘n Bus warten."

"Gut, ist in Ordnung."

Auf dem Weg hat dann nur Mahir erzählt.

Von seiner Frau, die er doch liebt, dass ihre Familie doch so toll sei...

was für Gemeinheiten doch in der Türkei passieren, wie gemein doch die Deutschen zu den NichtDeutschen (so nennt Mahir die Ausländer) sind ...

daß Beşiktaş die beste Fußball-
mannschaft im ganzen Kosmos ist ...

dass sein Schwager ein richtiges Arschloch ist, weil er seine Schwester arbeiten lässt, er selber aber nur ins Café geht.
Nie hat Cem etwas dagegen gesagt, weil er erstens nicht so ein
polit-mensch ist,

zweitens ist er absolut todmüde

und drittens weiß er noch, wie es das letzte Mal ausging bei einer Meinungsverschiedenheit

(was nicht heißt, dass er immer nur nickt und ja sagt).

Aber bei einigen Sachen sind sich beide einig.

Nämlich dass Kemal Sunals Filme die besten sind (und absolut nicht unpolitisch),

dass die türkischen Fussballspieler vieeeel zu teuer wären, und die Kohle gar nicht wert seien,

dass bald das Ende der Welt ist und das Frauen die wunderbarsten Geschöpfe sind, die Gott geschaffen hat.

Aber irgendwie bemerkt Mahir, dass mit Cem irgendtewas nicht stimmt.
"Hey Cem, du hast doch was, du bist nicht nur müde... ."

"Yok lan, hab gestern ‘ne Prügelei gehabt und mir tut alles weh."

Mahir hat sich dann geschlossen gehalten. Die restlichen sieben Minuten hat niemand gelabert.

Dann hat Cem ihn rausgelassen und ist nach Hause gefahren.

"Ulan bütün dünya mı sapıtıyor?

Alle heiraten irgend jemanden, aber sind die sich auch sicher, dass sie lieben.

Ich spinn schon, red schon mit mir selber", sagt Cem und knallt mit der Hand auf die Windschutzscheibe.

Zu Hause angekommen legt er sich sofort in sein Bett, da kommt seine Mutter voller Panik rein gerannt.
"Ne oldu yahu?" fragt Cem.

"Ben de sana soracaktım, Fatih ve Ramazan hastanedeler! Ramazan ölüyormuş?!"

"Aman Ayşe, sende be, hiç dinlemiyorsun benim dediğimi!

Es war Bekir, der Typ gestern, es war Bekir!

Was? Welcher Bekir?

Na der Typ von der Hauptschule... ich war doch bis zur Zehnten Klasse in der Hauptschule... hmmm, herneyse, auf jeden Fall waren die gestern hier... ja, sagte ich doch bereits... aman sende, dinle bi sonuna kadar!

Üff be, die waren gestern hier, ja, der Typ hat wirklich einen BMW gefahren!

Und außerdem kenne ich seine Schwester von der Schule.
Meinen Eltern gefällt er absolut, jaja, zengin arabas güzel, annesi beğendi, benim annem de beğendi...
aber fragt mich mal irgendjemand?

Ach Ayşe, ich weiß nicht so recht, ich kenn den Typen doch gar nicht... ja, vielleicht, meinst du... ?

Naja, versuchen kann man es ja... du ich leg auf, mein Bruder donnert wieder wie ein Besessener gegen die Tür, alman kızı arıyor!" Klack! liegt der Hörer auf dem Telefon.

Mihriban macht die Tür auf und der kleine Bruder springt rein.

Mihriban ist erstaunt, da sonst immer Ahmet, der ältere Bruder so gegen die Tür hämmert.

"Was willst du, ich habe gerade mit Ayşe telefoniert. Dann unterbrichst du mich. Also, was ist so wichtig?
Was hat mein kleiner Bruder so auf dem Herzen, das er seine ältere abla einfach so unterbricht?"

"Ach, seit wann führen Frauen interessante Gespräche?"

"Werd mal nicht frech!"

"Abla yahu, was ist denn jetzt, wirst
du den Typ heiraten?"

"Wieso willst du das wissen?"

"Weißt du, das kommt auf einmal so schnell, meine Schwester heiratet... naja, das passiert nicht alle Tage."

"Hmm, hat Papa was gesagt, von wegen Hochzeit und so?"

"nö, ich glaub, so schnell gibt der dich nicht her. Aber Mamma ist ganz scharf drauf. Yarın dan veriyor."

"Oh... und ich dachte immer, die Mütter würden die Töchter nicht so gerne abgeben, und nicht die Väter..."
flüstert Mihriban leise.
"sag mal, was ist eigentlich mit der Schwester von unserem Schwager?"
fragt Orhan verschwitzt.

"Aha, daher weht der Wind!"
spottet Mihriban nun und wedelt mit ihrem Zeigefinger leicht wedelnd (und sarkastisch) vor seiner Nase.

"Nein... ist nicht so, wie du denkst... ehrlich nicht... find sie eben nur ein bißchen schön...",
antwortet der sonst nie um eine Antwort verlegene, aber jetzt in diesem Augenblick im Boden verschwindende kleine Bruder absolut verlegen.

"Tamam, tamam, anladım... mal sehen, was sich machen läßt."

Mit einem leicht roten Gesichtsausdruck verläßt Orhan das Zimmer seiner älteren Schwester.

Tja, und die wiederum ist total zwiespältig.
Verwundert über ihre Mutter, daß sie so leicht nachgegeben hat.

Verwundert über ihren kleinen Bruder, der nur an seinen eignen Vorteil denkt, dabei hat der kleine Racker doch fast jede Woche eine andere Perle.

Ein bißchen enttäuscht ist sie von ihrem älteren Bruder, das der irgendwie so nachgegeben hat, obwohl er doch zuerst in der Reihe ist.

Dabei wollte er doch prüfen, ob dieser Bekir wirklich so sauber ist, wie er auch vorgibt.

Doch am meisten wundert sie sich über Cemalettin Tunç, den Typen den alle türkischen Mädchen verachten (oder zumindest erzählen sie es so unter sich).

Da kommt dieser eigentlich gut aussehende Alevit in ihr ihren von Traditionen geprägten Alltag und wirbelt alles durcheinander.

Sie weiß genau, es kann nicht gut gehen, egal, was Cem auch anstellt.

Die Logik stinkt.
Sie Sunni, er Alevit; sie studiert, er Super- Bauer (zumindest meint das Ayşe und der Rest der Mädchen, die sie kennt);

er ist ein Schläger, sie hasst Schläger (außerdem hat er beinahe ihren älteren Bruder verprügelt);

ihre Eltern würden sich gegenseitig erschiessen.

Und das Wichtigste ist, daß sie nicht an Liebe glaubt (zumindest redet sie sich das ganz geschickt ein).

Aber wenn sie doch nicht an so einen Schwachsinn wie Liebe glaubt ...

(Liebe ist in ihren Augen nur was für Träumer und Schwache, die nicht mit der Realität zurecht kommen)

.. warum dann nur, ja verdammt noch einmal, warum denkt sie dann an diesen Super- Barbaren Cem, und warum hat sie bei jedem ihrer sooo sinnlosen Gedanken an diesen Super- Loser ein leicht warmes

(manchmal sehr heisses, so um die 500 Grad Celsius) Gefühl um das Herz herum?

Fortsetzung Teil 7